13. Februar 2014 admin

Kaffee mit Karamell, Kokos und Sahne – immer mehr junge Großstädter entdecken den Kaffee für sich ( dank Starbucks und Co)

Das Kaffee-Trinken hat sich aus der plüschigen Welt der Kaffee-Tanten und vom Dauergetränk des Büroalltags emanzipiert. Neue Trinkgewohnheiten, neue Aromen und moderne Technik haben dem zweitwichtigsten Getränk der Deutschen unerwartete Perspektiven eröffnet. Vor allem junge Menschen haben den Kaffee (wieder-) entdeckt und ihn zum Teil des urbanen öffentlichen Lebens werden lassen. Doch die Trends sind widersprüchlich.

Aromatisierter Kaffee

Kaffee zusätzlich zu aromatisieren, ist gar nicht so neu. Berichte besagen, dass bereits die Araber ihrem Kaffee auch Geschmacksnuancen hinzufügten, insbesondere mit Gewürzen. Die moderne Welle begann erst in den 70er Jahren, als angeblich in San Francisco erstmals “Flavored Coffee” serviert wurde, eine Mischung aus Espresso, Sirup und Milchschaum. Immer mehr junge Menschen in den USA kamen auf den Geschmack, die bis dahin noch nicht wussten, dass man Kaffee auch mit Sahne trinken kann, im österreichischen Kaffeehaus längst als Kapuziner geläufig.
Kaffee lässt sich auf vielfältige Weise aromatisieren. Die geschmacklich intensivste Form ist die nachträgliche Zugabe von Aromen, meist in Form von Sirup, aber auch mit Karamel, Kokos- oder Schokoladeraspeln. Das französische Familienunternehmen Monin bietet eines der größten Sortimente und gilt als weltweit führend, doch auch viele kleinere Likör- und Marmeladenfabrikanten verhelfen zu aromatischen Kaffeegenüssen, nicht nur mit Karamel und Kokos, sondern von Amaretto bis Yellow Banana. Sahne als Top wirkt dann als Geschmacksverstärker. Selbst in den meisten Steh-Cafés findet man Sirup-Flaschen zur Selbstbedienung.
Etwa aufwändiger ist die Aromatisierung in der Bohne durch Zugabe von naturidentischen und leider oft auch künstlichen Aromen bei der Röstung. Die teuerste und dezenteste Methode ist die direkte Röstung mit den Gewürzen. Wie verwirrend die Auswahl werden kann, zeigt ein amerikanischer Versandröster, der über 130 Sorten von “Gourmet Flavored Coffee” anbietet. Ob Baklava, Jalapeno-Kokos, Sahne-Karamel-Senf oder Salz-Karamel jedermanns Sache sind, sei dahin gestellt. Wie “Edelweiss” schmeckt, kann man nur raten, und “Wiener Strudel” sollte man wohl eher zum Kaffee essen, als ihn als solchen zu trinken.

Marktmacht und Trinkgewohnheiten

Die 80er sahen eine Gründungswelle von Coffee Shops an der amerikanischen Westküste. Aus ersten Ansätzen, italienische Bar-Kultur in den Nordwesten der Staaten zu bringen, entstand in Seattle der heute weltumspannende Starbucks Konzern. Einem 1971 gegründeten Coffee Shop mit eigener Röstung folgten nach 1981 bis heute über 15.000 Filialen in 50 Ländern. Diese Marktmacht prägte Verbrauchergewohnheiten und brachte Nachahmer auf den Plan, wie McCafé von McDonald’s, die französische Kette Columbus Café oder Costa Coffee in Großbritannien, die aber nicht annähernd an den Erfolg von Starbucks heran reichen.
Der “Coffee to Go” trat in Erscheinung als “Kaffehausvariante” zum Fast Food. Junge Menschen, meist die berufstätige urbane Mittelschicht, griffen diese (Un-) Sitte auf. Ursprünglich der kurzen amerikanischen Mahlzeitpause von oft nur 20 Minuten geschuldet, wurde dieser Kaffee-Konsum zum Gegenteil dessen, was der Begründer des Starbucks Imperium postulierte – das Coffee House zum Zentrum einer Gemeinschaft zu machen.

Der eilige Kaffee und seine Folgen

Neben der Vereinsamung durch den Coffein-Schuss (statt Kaffee Genuss) wuchsen die Müllberge der Welt weiter, allen Beteuerungen eines Umwelt-Leitbildes zum Trotz. Bei einer repräsentativen Umfrage in Deutschland gaben junge Menschen (bis 35) an, dass fast 20 Prozent häufig und knapp 70 Prozent von ihnen gelegentlich zum Coffee to Go greifen. Selbst bei der Gruppe Ü45 tun dies noch 8 bzw. 49 Prozent. Fast 60 Prozent junge Menschen haben ihren Coffee to Go auch aromatisiert getrunken.
Adé Kaffeehaus – der nächste Mülleimer wartet, denn auch der “running bag” für den unverzichtbaren Bagle muss auf kommunale, also öffentliche Kosten entsorgt werden, wie der Müll der Fast Food Lokale. Die Pappbecher wären kein so großes Problem, kämen sie nicht mit Plastikdeckeln einher und einer Beschichtung, die sie für das Recyclen schwierig machen. Ein “Iced-Chocolate-Mocha-Soja-Latte mit Hazelnut-Flavour” und seine Verwandten aus über 1.500 Coffee-Shops, sowie weiteren Outlets in Supermärkten und Bahnhöfen, hinterlassen theoretisch einen Stapel von über 500.000 Kilometer Bechern allein in Deutschland. Weltweit rechnet man mit rund 23 Milliarden Bechern. Cola-Becher mit doppelter PE-Beschichtung begleiten sie auf die Müllberge.

Die Revolution rückwärts

Der eilige Becher hat ein weltweites Imperium geschaffen, wäre da nicht ein (globales) Dorf mit unbeugsamenKaffee-Liebhabern, die den Angriffen von Starbucks & Co. standhaft Widerstand leisten und immer mehr werden. Sie haben auch die Angriffe von Pads und Kapseln, den großen Gewinnbringern der Großröster, abgewehrt. Ihre schärfste Waffe ist die Kaffee-Mühle mit echtem Mahlwerk, ob von Hand oder mit E-Motor betrieben. Schon vor der Zubereitung des Zaubertranks erfüllt das unvergleichliche Aroma von frisch gemahlenem Kaffee-Bohnen ihr Zuhause, das jeden Vakuum-Pack in die Flucht treibt. Selbst beim Discounter muss die ganze Bohne teurer als die gemahlene sein, denn man sieht, was man bekommt.
Dann, bei der Zubereitung ist jeder sein eigener Miraculix, wenn er je nach Mahlgrad von Hand die Zauberbrühe, die Geist und Sinne belebt, zubereitet. ob mit türkischer Kanne, Coffee-Maker, Hebel-Espressomaschine oder Tante Melittas Wundertrichter. Jeder Zauberlehrling kann sich seine eigene Melange auch aus billigen Angeboten zusammen stellen. Für Verwöhnte sprießen rund um die Rebellen, kleine Kaffee-Röstereien, wahre Manufakturen mit langsamer Röstung, aus dem Boden.
Immer mehr junge Menschen schließen sich den Rebellen an und entdecken auch alte “Aromatisierungen” wieder. Zuckerrohr-Granulat anstatt Industriezucker, Sirup vom Obstbauern nebenan, Zutaten nach Lust und Laune – und das zuhause oder bei Freunden.
Für den erweiterten Genuss gibt es alte Rezepte, lange vor den neuen Moden entwickelt und im puritanischen Amerika verpönt, vor allem für den Kaffee mit dem gewissen Extra: Café brulot (mit Cognac), Caffè allla Borgia (mit Apricot und Zimt), Caffè correttto (meist mit Grappa), Carajillo (mit Brandy), Kaffee Luz (mit Obstwässerli),
Aber bitte mit Sahne geht’s weiter: Irish Coffee (mit Whiskey), Highlander (mit Whiskey und Ingwer), Pharisäer (mit Rum), Rüdesheimer Kaffee (mit Weinbrand).

Das Experiment mit der geliebten Bohne kennt keine Grenzen, vor allem selbst gemacht (fatto a mano), und begeistert junge Menschen, die ihr Leben wieder entschleunigen wollen. Und einen semi-industriellen Frappuccino, den Starbucks nicht mal selbst erfunden hat, als Variation von Kaffee, Sirup und Crushed Ice, kann man mit jeder normalen Küchenmaschine ersetzen, wenn man nicht doch lieber zum guten alten Eiskaffee greifen will – hat noch mehr Kalorien.

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